Epoche & Hintergrund

Oberungarn um 1700 – Krieg, Pest und Gesetz in Jánošíks Welt

Türkenkriege, Rákóczis Aufstand, die Pest von 1709–1714 und ein Strafrecht mit Rad und Haken – so sah die Welt aus, in der Juraj Jánošík Soldat, Wachmann und Räuber wurde.

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Panorama einer befestigten Stadt im Waagtal um 1700 mit Burg auf dem Felsen und Flößen auf dem Fluss, gezeichnet im Stil eines Volksholzschnitts
Panorama einer befestigten Stadt im Waagtal um 1700 mit Burg auf dem Felsen und Flößen auf dem Fluss, gezeichnet im Stil eines Volksholzschnitts KI-Illustration, keine historische Abbildung

Juraj Jánošík lebte von 1688 bis 1713 im Norden des Königreichs Ungarn, das die Habsburger regierten – in jenem Gebiet, das man „Oberungarn“ nannte und das weitgehend der heutigen Slowakei entspricht34. Seine kurze Lebenszeit fiel in eine Epoche der Erschütterungen: das Ende der Türkenkriege 1699, den Aufstand Rákóczis von 1703 bis 1711 und die letzte große Pestwelle von 1709 bis 17144511. Jánošík war in dieser Zeit Kuruzensoldat, kaiserlicher Wachmann und zuletzt Räuberhauptmann – jede dieser Rollen erklärt sich aus seiner Welt12.

Als der Pfarrer Michal Smutko das Kind von Martin Jánošík und Anna Czisznik am 25. Januar 1688 in Varín taufte, lagen die Hinrichtungen von Prešov keine fünf Monate zurück113. Als der Liptauer Komitatsgerichtsstuhl Jánošík im März 1713 zum Tod verurteilte, war die Pest im Land noch nicht erloschen211. Dazwischen liegen 25 Jahre, in denen ein junger Mann aus einem Gebirgsdorf zwischen große Politik, Grundherrschaft und ein unerbittliches Strafrecht geriet.

Ein Königreich unter habsburgischer Krone

Ein eigenes slowakisches Staatswesen gab es um 1700 nicht. Das Land zwischen Donau und Tatra gehörte zum Königreich Ungarn, das von 1526 bis 1867 die Habsburger regierten4. Weil Buda bis 1686 in osmanischer Hand war, diente Pressburg (Bratislava, ungarisch Pozsony) von 1536 bis 1783 als Hauptstadt4.

Der ungarische König aus dem Haus Habsburg trug zugleich die Kaiserkrone. Ungarn behielt aber eigene Gesetze und einen eigenen Landtag, und sein Adel ließ sich seine Vorrechte immer wieder bestätigen4814. Die Spannung zwischen der Wiener Zentrale und den ungarischen Ständen prägte Jánošíks gesamte Lebenszeit – und entlud sich schließlich im Krieg.

Nach Jánošíks Tod, 1715, richtete König Karl III. (als Kaiser Karl VI.) ein stehendes Heer ein, das nach der Formulierung der Überblicksdarstellung „vollständig von der nichtadeligen Bevölkerung finanziert und bemannt“ wurde4. Die dazugehörige direkte Kriegssteuer, die contributio, zahlten nur Bauern und Städte9.

Was „Oberungarn“ eigentlich bedeutete

Die Encyclopaedia Beliana der Slowakischen Akademie der Wissenschaften nennt die lateinischen Formen Hungaria Superior oder Partes regni Hungariae superiores, deutsch „Oberungarn“, ungarisch Felsőmagyarország3. Ursprünglich bezeichnete der Name nur die nordöstlichen Komitate um Košice (dt. Kaschau): Gemer, Zips (Spiš), Zemplín, Abov, Šariš, Turňa und Uh. Erst später, bis 1918, stand er für „praktisch das ganze Gebiet der Slowakei“3.

Streng genommen gehörten Trenčín, Liptov und Orava – Jánošíks Heimat- und Tatlandschaften – nicht zum älteren, engen „Oberungarn“ um Košice. Der weite Sprachgebrauch ist für die Zeit um 1710 dennoch üblich3.

Die Komitate: Jánošíks Landkarte

Wichtiger als „Oberungarn“ war für die Menschen damals das Komitat (slowakisch stolica, ungarisch vármegye). Es unterhielt eine eigene Polizei – die hajdúci oder drábi – und hatte mit dem Gerichtsstuhl (sedria) ein Gericht, das Todesurteile fällen konnte1. Wer als Räuber in mehreren Komitaten auftrat, hatte es mit mehreren Obrigkeiten zu tun: Am Prozess gegen Jánošík in Liptov wirkten auch Vertreter des Komitats Trenčín mit und stellten eigene Fragen1.

Die Anklage von 1713 zählt die Komitate auf, in denen er geraubt haben soll: Trenčín, Nitra, Turiec, Liptov, Orava „und andere“, dazu Schlesien1.

Komitat (SK / HU / DE) Bezug zu Jánošík Quelle
Trenčianska stolica / Trencsén / Trentschin Heimatkomitat: Terchová und die Pfarrei Varín; Wachdienst auf dem Schloss Bytča; Schlacht bei Trenčín 1708 127
Liptovská / Liptó / Liptau Raubzüge zwischen Východná und Važec und im Malatiná-Tal; Salaše von Hybe bis Važec; Prozess in Svätý Mikuláš 1713 1
Oravská / Árva / Arwa Überfall auf den Orawaer Edelmann Zmeškal; eigene Reihe von Kriminalprotokollen seit 1688 1
Turčianska / Turóc / Turz in der Anklage von 1713 genannt 1
Gemer und Malohont / Gömör und Kishont Herkunft einzelner Bandenmitglieder; Klenovec, wo Uhorčík als „Martin Mravec“ lebte und Jánošík verhaftet wurde 12

Im Jahr 1712 meldete General János Pálffy, das Räuberunwesen breite sich in Trenčín, Orava und Liptov, aber auch in Zips und Šariš aus1.

Nach den Türkenkriegen: der Frieden von Karlowitz

Jánošík wurde in eine Welt geboren, in der die Osmanen noch große Teile Ungarns beherrschten. Die Wende begann 1683 mit der gescheiterten Belagerung Wiens, 1686 fiel Buda an die Habsburger zurück4. Der Frieden von Karlowitz 1699 brachte den Habsburgern schließlich den größten Teil des osmanischen Ungarn; Siebenbürgen blieb formal autonom, stand aber unter österreichischen Gouverneuren4.

Frieden nach außen bedeutete nicht Sicherheit im Inneren. Im selben Jahr 1699 klagte Kaiser Leopold I., Räuber plünderten Dörfer bei Pezinok und Svätý Jur und sogar vor den Toren von Bratislava1. Seine Mandate von 1699 und 1700 empfahlen den Komitaten, Spitzel in die Räuberbanden einzuschleusen1. Jánošík war damals elf Jahre alt.

Kuruzen gegen Labanzen: Rákóczis Aufstand 1703–1711

Am 15. Juni 1703 begann der Unabhängigkeitskrieg Rákóczis gegen die Habsburger; er endete formal am 1. Mai 17115. Ausgelöst wurde er unter anderem durch die Verfolgung der Protestanten und Landenteignungen4. Am 13. Juni 1707 erklärte der Landtag von Ónod die Habsburger in Ungarn für abgesetzt5.

Die Aufständischen hießen Kuruzen (kuruc); das Wort stammt wahrscheinlich aus dem Türkischen und bedeutet „Rebell“. Ihre Gegner, die kaisertreue Seite, nannte man Labanzen (labanc) – ursprünglich ein Name für die österreichischen Soldaten6. Die Kuruzenheere bestanden nach der Überblicksdarstellung „größtenteils aus verarmtem Kleinadel und Leibeigenen, darunter ungarische protestantische Bauern und Slawen“6.

Mitten im Krieg taucht Jánošík als Erwachsener in den Akten auf: Eine Musterliste des Kuruzen-Infanterieregiments von Oberst Wilhelm (Viliam) Winkler vom 2. Dezember 1707 führt ihn1. Das war ein halbes Jahr nach Ónod. Jánošík war knapp zwanzig.

Der Historiker Ivan Mrva schreibt, der achtjährige Kuruzenkrieg habe das Räuberwesen auf „bisher unbekannte Ausmaße“ anwachsen lassen: Bauern, die zu Komitatsregimentern einberufen wurden, desertierten und verlegten sich aufs Rauben1. Tomáš Uhorčík, Jánošíks späterer Bandenführer, raubte schon etwa seit 17041.

Die Schlacht bei Trenčín, 3. August 1708

Die Entscheidungsschlacht im Norden fand am 3. August 1708 bei Trenčín statt, im Gelände um Turná, Soblahov und Lehota. Rund 15.000 Kuruzen mit 12 Kanonen standen etwa 5.000 Kaiserlichen und 3.000 serbischen Hilfstruppen unter Heister und Pálffy gegenüber7. Die Kuruzen waren fast doppelt so stark – und erlitten doch eine schwere Niederlage: etwa 3.000 Tote und Verwundete, 500 Gefangene und den Verlust aller 12 Kanonen. Die kaiserliche Seite verlor nur rund 200 Mann7.

Entscheidend war ein Zufall: Rákóczis Pferd strauchelte, der Fürst stürzte und verlor das Bewusstsein. Seine Truppen hielten ihn für tot und flohen75.

Schlacht bei Trenčín, 3. August 1708
Kuruzen: Stärke+ 12 Kanonen (alle verloren)~15.000Kuruzen: Tote und Verwundete+ ~500 Gefangene~3.000Kaiserliche: Stärkedavon ~3000 serbische Hilfstruppen~8.000Kaiserliche: Tote und Verwundete~200
Die Kuruzen waren fast doppelt so stark – und verloren dennoch verheerend. Quelle: zeitgenössische und historiografische Darstellungen der Schlacht.
Kuruzenreiter als kleine Silhouetten auf einer nebligen Ebene unter einer Felsburg
Kuruzenreiter in der Ebene unterhalb einer Burg – so ähnlich mag das Gelände bei Trenčín am Morgen des 3. August 1708 ausgesehen haben (Illustration). KI-Illustration, keine historische Abbildung

Umstritten War Jánošík bei Trenčín dabei? Belegt ist nur die Musterliste vom Dezember 17071. Der Historiker Miroslav Nemec schreibt, Jánošík habe die Kuruzen „wahrscheinlich nach der Schlacht bei Trenčín“ verlassen2. Ein Dokument, das seine Teilnahme an der Schlacht oder eine Gefangennahme dort belegt, ist nicht bekannt. Auch ein früherer Eintritt in das Kuruzenheer, wie ihn manche Darstellungen schon für 1703 behaupten, ist nicht belegt1.

Sicher ist, was danach kam: Jánošík diente im kaiserlichen Heer, also bei den Labanzen, als Wachmann auf dem Schloss Bytča (dt. Großbitsch). Dort bewachte er Gefangene – unter ihnen den Räuberhauptmann Tomáš Uhorčík aus Predmier2. Aus dem Kuruzen war ein Labanz geworden. 1710 kauften ihn seine Eltern aus dem Heer frei2.

Sathmar 1711: Frieden ohne Rákóczi

Am 29. April 1711 unterzeichneten Pálffy für die Habsburger und Károlyi für die Kuruzen den Frieden von Sathmar (Szatmár). Rákóczi lehnte ihn ab und ging nach Polen. Am 1. Mai 1711 schworen rund 12.000 Kuruzen bei Majtény dem König Treue8. Der Frieden brachte eine Generalamnestie, Garantien für die Religionsfreiheit und die Verfassung sowie die Bestätigung der Adelsprivilegien gegen einen Treueeid8; die Steuerfreiheit des Adels wurde dabei bekräftigt9.

Ein knappes halbes Jahr nach Majtény, im Herbst 1711, schloss sich Jánošík der Bande Uhorčíks an2.

Untertanen, Robot und Neunter

Die Bauern im Königreich waren Untertanen eines Grundherrn. Rechtliche Grundlage war das Gesetz von 1514, erlassen nach dem Bauernaufstand unter György Dózsa und in Werbőczys Tripartitum übernommen. Es verurteilte die Bauern zu „reiner und ewiger Bauernschaft“ (mera et perpetua rusticitas) und legte ihre Abgaben fest9:

  • 1 Forint „Rauchsteuer“ je Haushalt,
  • einen Tag Robot (Frondienst) pro Woche,
  • ein Huhn im Monat und zwei Gänse im Jahr,
  • den Neunten an den Grundherrn und den Zehnten an die Kirche,
  • ein gemästetes Schwein je zehn Hufen.

Auf dem Papier war das eine schwere Last. Die Praxis sah anders aus, und genau das ist wichtig: Im ehemals königlichen Ungarn und im nördlichen Bergland waren vor der Urbarialreform „etwa zehn oder zwölf Tage im Jahr“ Robot üblich. Erst ab den späten 1750er-Jahren stiegen die Forderungen in Richtung der 52 Tage des Gesetzes von 15149. Der Historiker Robert Gray betont, dass örtliche Gewohnheiten stark voneinander abwichen, und hält schon die Übersetzung von rusticus mit „Leibeigener“ für umstritten9.

Die Freizügigkeit der Bauern war zwischen 1538 und 1547 wiederhergestellt worden. Seit 1608 hatten die Komitate Befugnisse über das Verhältnis von Herr und Untertan; die Bauern schuldeten zudem 12 Tage Fron im Jahr für Straßen und Befestigungen9. Auf den Gütern der Esterházy verhandelten Bauern 1711–1712 darüber, die Robot auf 52 Tage im Jahr mit höchstens zwei Tagen pro Woche zu begrenzen oder sie mit 4 Forint je Hufe abzulösen9.

Wie gering ein Untertan vor dem Gesetz galt, zeigt das homagium, der rechtliche „Preis“ eines Menschen: 40 Goldgulden für einen Bauern, 200 für einen Adeligen1. Die Historikerin Floreková fand in den Orawaer Räuberprozessen dennoch keinen „gezielten Kampf gegen die Herren“; sie nennt wirtschaftlichen Druck, steigende Feudalrente und den Wunsch nach schnellem Reichtum als Motive1.

Hirten und Walachen: die Welt der Salaše

Die Berge um Terchová, in Liptov und Orava prägte die Hirtenwirtschaft. Vom 14. bis zum 17. Jahrhundert besiedelten Kolonisten nach walachischem Recht (valašské právo) die Gebirge der nördlichen und mittleren Slowakei. Zuerst kamen rumänische und ruthenische Gruppen, später vor allem einheimische Slowaken, Polen und Ruthenen. Die Bewegung erreichte Gemer, das obere Grantal (Hron) sowie Liptov, Orava und Trenčín10.

Nach den anfänglichen Freijahren schuldeten die Siedler den Zwanzigsten ihrer Schafe und Abgaben auf Rinder, Käse, Brimsen (bryndza), Wild, Leder und Loden. Sie leisteten Wachdienst und später Waldarbeit; an der Spitze der Dörfer standen erbliche Richter, šoltýs oder vajda. Im 17. Jahrhundert waren die Walachen mit der übrigen Dorfbevölkerung verschmolzen10.

Diese Hirtenwelt war der Nährboden des Räuberwesens. Die Räuber in Liptov und Orava waren nach den Akten überwiegend Hirten (valasi, bačovia), dann Knechte, seltener Soldaten oder ehemalige Kuruzen, meist zwischen 20 und 40 Jahre alt1. Hirten und Wirte versorgten sie mit Essen und Unterkunft, kauften Schießpulver und warnten vor den Komitatshaiducken1. Jánošík selbst zog in Liptov von Salaš zu Salaš – Revúca, Likavka, Bobrovec, Porúbka, Hybe, Važec – und ließ an jedem ein Schaf schlachten1. Und am 17. August 1712 hielt das Herrschaftsgericht in Teplička nad Váhom fest, dass Leute aus Terchová Räubern Essen und Obdach gaben1.

Legende Oft heißt es, Räuber seien „vom Georgstag bis zum Michaelstag“ (24. April bis 29. September) unterwegs gewesen. Als feste Regel lässt sich das in der Fachliteratur nicht belegen. Belegt ist ein Muster aus Orava, 1735: „Im Sommer hielten sie sich im Wald auf, gingen zu den Salaschen, wo ihnen die Hirten Essen und manchmal Unterkunft gaben. Im Winter zerstreuten sie sich nach Hause oder versteckten sich bei Bekannten oder Verwandten.“ Dieselbe Bande traf sich allerdings schon Mitte Januar wieder in den Bergen1.

Pest und Hunger 1709–1714

Während der Krieg ausklang, kam ein Feind, gegen den keine Armee half. Die letzte große Pestepidemie auf dem Gebiet der Slowakei dauerte von 1709 bis 171411. Einige Städte verloren bis zu einem Drittel ihrer Einwohner; das Begräbnisregister von Prešov aus dem Jahr 1710 verzeichnet Pesttote11.

Für das ganze Königreich Ungarn schätzt ein ungarisches Bildungsportal die Zahl der Pesttoten in den Jahren 1708–1711 auf rund 400.000 – gegenüber etwa 80.000 Gefallenen des gesamten Krieges12. Solche Gesamtzahlen sind Schätzungen; verlässlicher sind gezählte Opfer einzelner Orte, wie sie das Schaubild zeigt.

Die Pest 1709–1714: gezählte Tote in einzelnen Orten
Bratislava1712–1714, etwa ein Drittel der Einwohner3.860Nördliche Zips, 10 Dörfer1710–1711, davon 624 Kinder und Jugendliche1.262TrenčínSommer 1710> 1.000
Für das ganze Königreich Ungarn schätzt die Forschung für 1708–1711 rund 400 000 Pesttote (ein Ausreißer nennt 1,5 Millionen). Die Balken zeigen dagegen gezählte Opfer einzelner Orte. Quellen: Komitatsbericht Zips 1711; Stadtgeschichte Trenčín; Pressegeschichte Bratislava.
Leere Dorfstraße mit hölzernem Pestkreuz am Wegrand in gedämpften Farben
Leere Gassen und Pestkreuze prägten die Jahre um 1710 – auch Jánošíks Räuberjahre fielen in diese Zeit (Illustration). KI-Illustration, keine historische Abbildung

Auf die Seuche folgten verlassene Höfe. Eine Güterbeschreibung von Michalovce aus dem Jahr 1715 listet aufgegebene Bauernstellen auf11; in ganz Ungarn wurden 1715–1721 viele Hufen und ganze Dörfer als puszta, also wüst, verzeichnet9. Krieg und Seuche hinterließen ein ausgezehrtes Land; belastbare Zahlen zu Missernten und Hunger in Jánošíks Heimat liefern die hier ausgewerteten Quellen allerdings nicht.

Jánošíks Räuberjahre – Herbst 1711 bis zur Verhaftung um die Jahreswende 1712/13 oder Anfang März 1713 – lagen mitten in diesen Pestjahren211. Ob die Seuche die Wege der Bande beeinflusste, sagen die Akten nicht.

Glaube und Gegenreformation

Religion war um 1700 keine Privatsache, sondern Politik. Vom 5. März bis zum 12. September 1687 ließ das Sondergericht des Generals Antonio Caraffa in Prešov 24 protestantische Bürger und Adelige hinrichten; man warf ihnen Verschwörung mit den Aufständischen Thökölys vor. Das Ereignis ging als „Prešovské jatky“ – „Prešover Schlachtbank“ – in die Geschichte ein13.

Die Kuruzenbewegung fand Rückhalt bei Protestanten, die sich gegen die Gegenreformation wehrten6, und Rákóczis Krieg entzündete sich auch an der Verfolgung der Protestanten4. Der Frieden von Sathmar garantierte deshalb ausdrücklich die Religionsfreiheit8.

Jánošík selbst war katholisch getauft – in der Pfarrei Varín, zu der Terchová gehörte1. Zu seinen Opfern zählte die Frau eines lutherischen Pfarrers aus Liptovský Ján, die er auf einem Floß auf der Waag bei Kraľovany ausraubte1. Ein konfessionelles Motiv nennen die Quellen nicht.

Recht und Strafe: Tripartitum und Praxis criminalis

Das ungarische Strafrecht stützte sich auf das Tripartitum des István Werbőczy von 1517. Titel I/15 bestimmt: „fures scilicet patibulo; praedones vero palo, vel rota, caeteri autem gladio“ – „Diebe an den Galgen, Räuber auf den Pfahl oder das Rad, die übrigen durch das Schwert“1.

Umstritten Wie palo zu übersetzen ist, ist umstritten. Der Rechtshistoriker Uličný liest es als Pfählung1. Ivan Mrva übersetzt „kolom alebo kolesom“, also Pfahl oder Rad1.

Daneben gab es die Praxis criminalis Ferdinands III., erlassen in Wien am 30. Dezember 1656. Kardinal Kollonich ließ sie 1687 in Trnava (Nagyszombat) für Ungarn drucken, und 1696 wurde sie der Ausgabe des Corpus Juris Hungarici angehängt. Der Landtag von 1728–29 prüfte sie, erließ sie aber nie als Gesetz – dennoch prägte sie das Strafverfahren bis ins 19. Jahrhundert14.

Die Gesetzgebung gegen Räuber war streng, ihre Durchsetzung schwach. Räuber sollten an der Straße hingerichtet werden, an der sie geraubt hatten, und zur Warnung hängen bleiben; 1548 wurde verlangt, den Wald 200 Ellen beiderseits der Straßen zu roden1. Das Gesetz 38/1655 verbot sogar, einen gefangenen adeligen Räuber zu begnadigen1. Dass solche Gesetze immer wieder erneuert wurden, hatte einen Grund: Adelige schützten Räuber oder teilten die Beute mit ihnen1.

Verhöre unter Folter in leichtem und schwerem Grad waren üblich1. Jánošíks Anklage berief sich auf das Gesetz 13/1625, das Gesetz 26/1655, das Tripartitum I/15 sowie das fünfte und siebte Gebot1. Das Protokoll seines Verhörs unter der Folter, die „Fassio Janossikiana“, ist nur in einer Abschrift Janko Kráľs von 1844 erhalten1. Verurteilt wurde er am 17. März 1713, durch die linke Seite auf einen Haken gezogen und aufgehängt zu werden2. Ob das Urteil genau so vollstreckt wurde und ob am 17. oder 18. März, ist nicht dokumentiert1.

Belegt In Liptov sind für das 18. Jahrhundert Hängen, Hängen am Haken, Enthauptung und Rädern belegt; oft wurde der Leichnam danach auf ein Rad „geflochten“ und ausgestellt1. Uhorčík wurde 1713 gerädert, Jánošíks Bruder Ján am 18. Dezember 1713 vom Herrschaftsgericht in Teplička nad Váhom zum Tod durch den Strang verurteilt12.

Wie viele Menschen lebten im Land?

Bevölkerungszahlen für die Zeit um 1700 sind unsicher, denn die ersten Steuerkonskriptionen von 1715–1721 waren unvollständig9.

Umstritten Robert Gray schließt aus diesen Listen auf rund 4,5 Millionen Einwohner Ungarns9. Die englischsprachige Überblicksdarstellung zum Königreich sagt dagegen, die Bevölkerung habe sich zwischen 1720 und 1787 auf 8 Millionen mehr als verdreifacht – das setzt für 1720 weniger als 2,7 Millionen voraus4. Jede Gesamtzahl ist eine Hochrechnung.

Fest steht: Krieg und Pest hatten das Land ausgezehrt, und viele Höfe standen leer911. In diesem Land zogen kleine Räuberbanden von etwa drei, große von zehn und mehr Mann umher – und waren stets auf Helfer angewiesen1.

Jánošíks Leben im Spiegel der Epoche

Legt man Jánošíks belegte Stationen neben die Ereignisse seiner Zeit, greift beides ineinander: getauft wenige Monate nach den Hinrichtungen von Prešov113, Kuruzensoldat ein halbes Jahr nach Ónod15, kaiserlicher Wachmann nach der Niederlage von Trenčín72, freigekauft mitten in der Pestzeit211, Räuber im Herbst nach dem Frieden von Sathmar82 und verurteilt ein Jahr nach Pálffys Bericht über das wuchernde Räuberwesen1.

Jánošík war kein Ausnahmefall, sondern ein Kind seiner Zeit: Das „karpatische Räuberwesen“ erreichte vom 16. bis etwa zur Mitte des 18. Jahrhunderts seinen Höhepunkt1. Was ihn von anderen Räubern unterscheidet, ist nicht sein Leben, sondern das, was spätere Generationen daraus gemacht haben.

Häufige Fragen

Was bedeutet „Oberungarn“?

„Oberungarn“ (Hungaria Superior, slowakisch Horné Uhorsko) bezeichnete ursprünglich nur die nordöstlichen Komitate des Königreichs Ungarn um Košice. Später, bis 1918, meinte man damit praktisch das ganze Gebiet der heutigen Slowakei3.

Zu welchem Staat gehörte die Slowakei zur Zeit Jánošíks?

Das Gebiet der heutigen Slowakei war der nördliche Teil des Königreichs Ungarn, das von 1526 bis 1867 die Habsburger regierten. Hauptstadt war von 1536 bis 1783 Pressburg, das heutige Bratislava4.

Was waren Kuruzen und Labanzen?

Kuruzen waren die antihabsburgischen Aufständischen von 1671 bis 1711, Labanzen die kaisertreue Seite, ursprünglich die österreichischen Soldaten6. Jánošík diente zuerst bei den Kuruzen – belegt durch eine Musterliste vom 2. Dezember 1707 – und danach als Wachmann im kaiserlichen Heer in Bytča12.

Kämpfte Jánošík in der Schlacht bei Trenčín 1708?

Das ist nicht belegt. Sicher ist, dass er Ende 1707 in einem Kuruzenregiment diente; der Historiker Miroslav Nemec vermutet, dass er die Kuruzen wahrscheinlich nach der Schlacht vom 3. August 1708 verließ12. Eine Quelle, die seine Teilnahme dokumentiert, ist nicht bekannt.

Wie viele Menschen starben an der Pest 1709–1714?

Für das ganze Königreich Ungarn schätzt man für 1708–1711 rund 400.000 Pesttote, etwa fünfmal so viele wie Gefallene im ganzen Rákóczi-Krieg12. Auf dem Gebiet der Slowakei verloren einige Städte bis zu einem Drittel ihrer Einwohner11.

Nach welchem Recht wurde Jánošík verurteilt?

Nach ungarischem Recht: Die Anklage berief sich auf Werbőczys Tripartitum I/15 und die Gesetze 13/1625 und 26/16551. Die Praxis criminalis von 1656 prägte zwar das Verfahren, war in Ungarn aber nie als Gesetz erlassen worden14.

Quellen

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  2. Bol Jánošík väznený v kaštieli Vranovo? – Nemec, Miroslav – Historický časopis 70/1, Historický ústav SAV (2022) [sk]
  3. Horné Uhorsko – Encyclopaedia Beliana, Encyklopedický ústav SAV (2010) [sk]
  4. Kingdom of Hungary (1526–1867) – Wikipedia (English) (2026) [en]
  5. Rákóczi's War of Independence – Wikipedia (English) (2026) [en]
  6. Kuruc – Wikipedia (English) (2026) [en]
  7. Battle of Trenčín – Wikipedia (English) (2026) [en]
  8. Treaty of Szatmár – Wikipedia (English) (2026) [en]
  9. Land Reform and the Hungarian Peasantry c. 1700–1848 (PhD thesis) – Gray, Robert W. B. – University College London (2009) [en]
  10. Valaská kolonizácia – Horváth, Stanislav – Centrum pre tradičnú ľudovú kultúru (encyklopédia) (2026) [sk]
  11. Epidémie v minulosti (prezentácia) – Štátny archív v Prešove, Ministerstvo vnútra SR (2026) [sk]
  12. Pestis Magyarországon – Sulinet Hírmagazin (2026) [hu]
  13. Prešovské jatky – Wikipédia (slovenská) (2026) [sk]
  14. Praxis criminalis – Kislexikon (2026) [hu]

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