Wie wurde Jánošík gefasst? Die Erbsen von Klenovec
Doku über die berühmteste Jánošík-Legende: die alte Frau mit den Erbsen, der Zaubergürtel, der Verrat – und was die Akten über die Festnahme in Klenovec 1712/13 wirklich sagen.
Jánošík – Legende und Wahrheit: Wie ein Räuber zum Nationalhelden wurde – Weiterlesen →
Inhalt
- 0:00 Die Legende
- 0:44 Lied und Akte
- 1:07 Ein Lied aus dem 18. Jahrhundert
- 2:04 Der Zaubergürtel
- 2:51 Ein Motiv wandert
- 3:32 Der Hauptmann und Martin Mravec
- 4:26 Das Netz von Klenovec
- 4:55 Die erste Festnahme: Hrachovo 1712
- 5:49 Die zweite Festnahme
- 6:44 Was die Akten verschweigen
- 7:08 Verrat?
- 8:00 Faktencheck: Lied gegen Akte
- 8:39 Vor Gericht, März 1713
- 9:33 Das Ende des Netzes
- 10:14 Warum die Erbsen?
- 10:50 Heute
Transkript
Ein Wirtshaus in den Bergen, an einem Abend im Winter. Am Tisch sitzt ein Mann, den das ganze Land sucht. Keine Waffe kann ihn verwunden. Denn er trägt einen Gürtel, in dem seine Kraft steckt.
Da tritt eine alte Frau heran, einen Sack in der Hand. Sie schüttet Erbsen auf den Boden, direkt unter seine Füße. Er springt auf, rutscht aus und stürzt. Und ehe er wieder auf den Beinen ist, ist er überwältigt.
So, erzählt das Lied, wurde Juraj Jánošík gefangen. Eine Geschichte, die in der Slowakei jedes Kind kennt. Von allen Geschichten über Jánošík ist diese vielleicht die bekannteste. Sie ist älter als jedes Buch über ihn.
Und anders als der Zaubergürtel ist sie nicht unmöglich. Denn gefangen wurde Jánošík tatsächlich. Die Frage ist nur: wie? Dieser Film legt das Lied neben die Akten und sucht, was davon stimmen könnte.
Die Spur beginnt bei einem Lied aus dem 18. Jahrhundert. Sein Titel: „Píseň o Jánošíkovi, zbojníkovi“, das Lied von Jánošík, dem Räuber. Eine Handschrift solcher Lieder fand der Literaturhistoriker Ján Vilikovský in der Bibliothek Tranoscius in Liptovský Mikuláš.
Wann sie entstand, ist umstritten: irgendwann zwischen 1761 und den 1790er-Jahren. Sicher ist nur, dass das Lied älter ist als sein erster Druck im Jahr 1809. Und schon in diesem frühen Lied stehen die Erbsen. Zusammen mit einem zweiten Motiv: dem Verrat durch den engsten Freund.
Das Lied nennt sogar Schuldige: Es seien „die Deutschen“ gewesen, die Jánošík fingen. Die Geschichte ist also fast so alt wie die Erinnerung an den Mann selbst. Warum aber ausgerechnet Erbsen? Die Antwort liegt im Gürtel.
Im Märchen bekommt der junge Jánošík von Feen, Hexen oder einer sprechenden Schlange drei Gaben: ein Hemd, eine Valaška und einen Gürtel. In den Gürtel ist ein Zauberkraut eingenäht, das ihn unverwundbar macht. Daher die Volksformel: „Rúbte mu do pása, tam je jeho spása. “ Schlagt ihm auf den Gürtel, dort liegt sein Heil.
Einen solchen Helden besiegt man nicht im offenen Kampf. Man braucht eine List. In vielen Fassungen nimmt ihm zuerst eine Geliebte oder ein Verräter den Gürtel ab oder versteckt seine Valaška. Erst dann kommen die Erbsen.
Das Motiv wanderte durch die Jahrhunderte. Der Dichter Jonáš Záborský griff es auf. Alois Jirásek schrieb 1894 in seinen „Alten böhmischen Sagen“: „Podsypali mu pod nohy hrachu. “ Sie streuten ihm Erbsen unter die Füße.
In Martin Fričs Film von 1935 lacht die Alte dabei schadenfroh. Nur wo das alles geschah, darüber sind sich die Erzähler nicht einig. Eine Überlieferung verlegt die Festnahme nach Valaská Dubová. Die Literatur zu den Akten nennt einen anderen Ort.
Herbst 1711. Der junge Juraj Jánošík aus Terchová schwört um Michaeli den Räubereid und schließt sich der Bande von Tomáš Uhorčík an. Uhorčík ist rund vierzehn Jahre älter und raubt schon seit Jahren. Noch vor dem Winter heiratet er die Tochter des Schäfers Stoliga aus Jablunkov.
Dann verschwindet er weit nach Süden, nach Klenovec im Komitat Kleinhont. Dort lebt er unter einem falschen Namen: Martin Mravec. Die Führung der Bande geht an Jánošík über. Das Urteil nennt ihn später „vúdcem aneb hajtmanem“, Führer oder Hauptmann.
Seine Leute überfallen Kaufleute, Adlige, Geistliche und Reisende. Und immer wieder führt sein Weg nach Klenovec. Klenovec wird zum Stützpunkt. Nach Uhorčíks späterer Aussage gibt oder leiht Jánošík Leuten im Ort acht und zehn Goldstücke.
Im Winter 1712 versteckt er sich drei Wochen lang beim Bauern Ondrej Kovalčík im benachbarten Kokava. Wer einen Räuber aufnimmt, macht sich mitschuldig. Und wer von ihm weiß, kann ihn verraten. Ein Netz aus Freunden ist immer auch ein Netz aus möglichen Zeugen.
Im Herbst 1712 reißt das Netz zum ersten Mal. Nach einem Überfall auf Kaufleute aus Banská Bystrica werden Jánošík und „Mravec“ in Klenovec festgenommen. Man bringt sie ins Herrenhaus von Hrachovo, wo das Komitat seine Verfahren führt. Die slowakische Wikipedia nennt als Datum den 26.
Oktober 1712. Doch die beiden können nachweisen, dass sie an diesem Überfall nicht beteiligt waren. Der Vizegespan von Kleinhont, Pavol Láni, setzt sich für sie ein. Sie kommen frei.
Zum Dank sollen sie den Herren vom Komitat Fuchsfelle und Käse geschickt haben. Die Legende macht daraus später eine kühne Flucht. Die Quellen sprechen von einer Freilassung. Beim zweiten Mal gibt es keine Fürsprache.
Diesmal kommt die Jagd aus Liptau. Die Suche wird unter Emerich Kubínyi organisiert. Etwa fünfundzwanzig bis dreißig Bewaffnete ziehen los, angeführt vom Adligen Andreánsky. So steht es in der slowakischen Wikipedia, gestützt auf die Forscher Melicherčík und Antolová.
Ihr Ziel ist kein Wirtshaus. Es ist das Haus von Tomáš Uhorčík in Klenovec. Dort fassen die Haiducken des Komitats Liptau den Räuberhauptmann Jánošík. Wann, ist umstritten.
Der Historiker Miroslav Nemec datiert die Festnahme auf die Jahreswende 1712 auf 1713. Die Gemeinde Klenovec und die Historikerin Diana Duchoňová nennen Anfang März 1713. Und wie genau es geschah? Darauf gibt es eine überraschende Antwort.
Der Historiker Ivan Houdek stellte schon 1929 fest: „Wie und wo es geschah, davon steht in den Gerichtsakten kein Wort. “ „Wir sind allein auf die Überlieferung angewiesen. “ Genau in diese Lücke fallen die Erbsen. Was also könnte an der Legende stimmen?
Beginnen wir mit dem Verrat. Ein Räuber, der unter falschem Namen versteckt lebt, wird nicht zufällig gefunden. Und dreißig Bewaffnete aus Liptau marschieren nicht aufs Geratewohl in ein anderes Komitat. Jemand muss gewusst haben, wo Jánošík zu finden war.
Einige Darstellungen nennen Namen. Den hingerichteten Räuber Mikuláš Šustek, oder Turiak, genannt Huncaga, einen Gefährten aus der Bande. Als Verräter belegt ist keiner von beiden. In den Liedern spielt meist ein anderer die Rolle des Judas: Gajdošík.
Und ausgerechnet Jánošík hatte geschworen, seine Gefährten nie zu verraten, weder im Glück noch im Unglück. Legen wir Lied und Akte nebeneinander. Die Festnahme selbst: belegt. Der Ort: nach der überwiegenden Literatur Klenovec, das Haus Uhorčíks, kein Wirtshaus.
Eine Übermacht von Bewaffneten: überliefert und plausibel. Ein Verrat: möglich, aber nicht bewiesen. Der Zaubergürtel: Märchen. Und die alte Frau mit den Erbsen?
Für sie gibt es keine einzige Quelle. Ganz falsch ist das Bild trotzdem nicht. Die Erbsen erzählen, was die Akten verschweigen: dass ein Starker nicht durch Kraft fiel, sondern durch eine List. Zur Zeit des Prozesses sitzen beide in Haft: Jánošík und der Mann, der sich Martin Mravec nennt.
Am 16. und 17. März 1713 steht Jánošík in Svätý Mikuláš vor dem Komitatsgericht von Liptau. Nach seinem alten Hauptmann gefragt, sagt er: Uhorčík sei im Kremnitzer Gebirge gestorben.
Dabei sitzt „Mravec“ zur selben Zeit im selben Gewahrsam. Ob aus Treue zum Eid oder aus Kalkül, sagt keine Quelle. Unter der Folter nennt er ein Versteck für die Beute: eine Buche bei einer Tanne, am Weg von Jablonka nach Klenovec. Wieder führt die Spur nach Klenovec.
Das Urteil vom 17. März: am Haken durch die linke Seite aufgehängt. Die Tarnung von Martin Mravec hält nicht. Uhorčík wird enttarnt und selbst vor das Liptauer Gericht gestellt.
Nach dem Historiker Marián Liščák wird er am 21. April 1713 gerädert. Am 24. Mai 1713 lässt das Herrschaftsgericht Teplička nad Váhom Martin Hatala aus Klenovec enthaupten, zusammen mit Ján Mikulčík aus Polen.
Ihr Vergehen: Sie hatten mit Jánošík und Uhorčík Umgang gehabt. Das Netz von Klenovec ist zerschlagen. Bleibt die Frage, warum sich gerade die Erbsen durchgesetzt haben. Der britische Historiker Eric Hobsbawm hat beschrieben, wie Menschen ihre edlen Räuber sehen.
Als Opfer eines Unrechts, als einen, der den Reichen nimmt. Und als einen, der am Ende durch Verrat fällt. Ein Held, der einfach von dreißig Bewaffneten überwältigt wird, passt nicht in dieses Bild. Ein Held, den nur eine List zu Fall bringt, schon.
So füllt das Lied die Lücke, die die Akten lassen: mit einem Sack voll Erbsen. In Klenovec heißt die Stelle, an der Uhorčíks Haus stand, bis heute „Mravcov vŕšok“, der Mravec-Hügel. Die Prozessakten liegen im Staatsarchiv in Bytča, im Protokollband des Komitats Liptau, Seiten 563 bis 567. Über die Festnahme steht darin nichts.
Und so erzählt man in der Slowakei bis heute beides. Die Geschichte vom Haus auf dem Hügel. Und die von der alten Frau mit dem Sack voll Erbsen.
Transparenzhinweis (Art. 50 EU-KI-Verordnung): Recherche und Text entstanden mit Unterstützung eines KI-Sprachmodells und wurden redaktionell anhand der genannten Quellen geprüft. Illustrationen sind KI-generiert und keine historischen Darstellungen.

