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Dokumentation: Juraj Jánošík: Leben, Prozess und Legende des slowakischen Nationalhelden

Juraj Jánošík (1688–1713): Taufe in Varín, Kuruzenzeit, Räuberjahre, Prozess in Liptovský Mikuláš und Legende – aus den Akten erzählt, jede Angabe belegt.

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Inhalt

  1. 0:00 Liptovský Mikuláš, 16. März 1713
  2. 0:42 Akte und Legende
  3. 1:12 Terchová und Varín, 1688
  4. 2:07 Soldat zweier Herren, 1707–1710
  5. 3:11 Der Räubereid, 1711
  6. 3:45 Der Hauptmann und seine Leute
  7. 4:28 Überfälle und Beute
  8. 5:48 Der Pfarrer von Domaniža
  9. 6:30 Zwei Festnahmen
  10. 7:18 Der Prozess: erster Tag
  11. 8:07 Zweiter Tag und Urteil
  12. 8:50 17. oder 18. März 1713
  13. 9:20 Was danach geschah
  14. 9:59 Wie die Legende wuchs
  15. 10:58 Faktencheck
  16. 11:19 Heute
Transkript

Liptovský Mikuláš, am 16. März 1713. Vor dem Komitatsgericht von Liptau steht ein junger Mann aus den Bergen. Der Ankläger nennt ihn einen öffentlichen Räuber.

Der Verteidiger beantragt Freispruch. Der Angeklagte ist fünfundzwanzig Jahre alt. Sein Name: Juraj Jánošík. In zwei Tagen wird über sein Leben entschieden.

Und in den dreihundert Jahren danach – über seinen Ruhm. Kaum ein Name ist in der Slowakei so bekannt. Lieder, Gedichte und Filme erzählen von einem Helden, der den Reichen nahm und den Armen gab. Doch was davon steht in den Akten?

Von Juraj Jánošík gibt es kein einziges zeitgenössisches Bild. Was wir wissen, steht in einem Taufregister, einer Musterrolle und in Gerichtsbüchern. Diese Spuren sind dünn – aber erstaunlich konkret. Folgen wir ihnen.

Terchová, ein Dorf unter den Gipfeln der Kleinen Fatra, im Norden des Königreichs Ungarn. Eine eigene Pfarrkirche hat es nicht. Getauft wird im Tal, in Varín an der Waag. Dort, im Taufregister, Seite 34, steht der Eintrag vom 25.

Januar 1688: ein Kind von Martin Jánošík und Anna, getauft auf den Namen Georgius – Juraj. Ein Geburtsdatum nennt das Register nicht. Und lange war nicht einmal sicher, welcher Juraj gemeint ist. Zwischen 1688 und 1694 werden in Varín vier Jungen dieses Namens getauft.

Erst die Geschwister – Barbora, Ján, Martin und Adam – machen die Familie eindeutig. Der nächste Beleg ist ein militärischer. Am 2. Dezember 1707 führt eine Musterrolle des aufständischen Regiments von Oberst Winkler einen Juraj Jánošík.

Er ist neunzehn und kämpft auf der Seite der Kuruzen – der Aufständischen um Franz Rákóczi gegen die Habsburger. Am 3. August 1708 erleiden die Kuruzen bei Trenčín eine schwere Niederlage. Ob Jánošík dort war, verrät keine Akte.

Belegt ist der Seitenwechsel: Bald dient er in einer kaiserlichen Wacheinheit auf dem Schloss in Bytča. Unter seinen Gefangenen ist ein Räuberhauptmann aus den Kysuce. Tomáš Uhorčík. Laut Protokoll erweist der junge Wächter ihm kleine Dienste.

1710 kaufen ihn seine Eltern frei. Im selben Jahr kommt auch Uhorčík aus dem Gefängnis. Ob Jánošík ihm zur Flucht verhalf, ist umstritten. Bewiesen ist es nicht.

Herbst 1711. Der Kuruzenkrieg ist eben zu Ende, und das Räuberwesen hat durch den Krieg stark zugenommen. Uhorčík sucht Jánošík in Terchová auf und wirbt ihn an. Um Michaeli, den 29.

September, legt er den Räubereid ab. Die Akten überliefern ihn: Ich schwöre dem ewigen Gott, dass ich meine Gefährten nicht verraten, nicht betrügen und nicht verlassen werde – weder im Glück noch im Unglück. Noch vor dem Winter heiratet Uhorčík die Tochter eines Schäfers und zieht sich unter falschem Namen zurück – als Martin Mravec, im Dorf Klenovec, weit im Süden. Die Führung der Bande geht an Jánošík.

Eine feste Truppe ist das nicht. Rund zwanzig Namen kennen wir aus den Aussagen: Männer aus Dörfern wie Dunajov, Staškov und Oščadnica, andere aus Mähren und Polen. Dazu Helfer, die Essen, Pulver und Unterschlupf geben. Am 17.

August 1712 hält ein Herrschaftsgericht fest: Die Leute von Terchová versorgen Räuber mit Essen und Obdach. Die Anklage zählt die Komitate auf: Trenčín, Nitra, Turiec, Liptau, Orava – und sogar Schlesien. Am 5. Oktober 1711 trifft es den Žiliner Kaufmann Ján Šipoš: Tuch und Leinwand.

Unterhalb von Strečno nimmt Jánošík einem Priester auf einem Floß die Pelzjacke. Dem Goldschmied Skalka aus Žilina sieben Ringe, Silberlöffel, einen Säbel. Im Mai 1712 noch einmal Šipoš – diesmal ein Gürtel und vier Gulden. Edelleute verlieren Gewehre und Säbel.

Und im Herbst 1712, zwischen Východná und Važec, die Frau des kaiserlichen Offiziers von Schardon: Schmuck, ein Gewehr, Perücken. Dieser Überfall wird ihm zum Verhängnis. Das Komitat Liptau muss Schadenersatz leisten und will den Täter um jeden Preis. Und die Beute?

Tuch, ein paar Gulden, Waffen, Schafe von den Sennhütten. Dinge für den persönlichen Bedarf, sagen Historiker. Eine Verteilung an die Armen belegt keine Quelle. Verschenkt hat er nachweislich nur die Ringe des Goldschmieds – an Mädchen in Terchová.

Nur ein Tötungsdelikt wird mit der Bande verbunden. September 1712. Auf dem Rückweg von Frivald wird Juraj Vrtík, der Pfarrer von Domaniža, von zwei Räubern angeschossen. Am 2.

Oktober stirbt er. Das Sterbebuch vermerkt auf Latein: von zwei Räubern durchschossen. Jánošík sagt aus, seine Gefährten Plavčík und Huncaga hätten geschossen – und er habe am Brunnen Wasser getrunken. Oder war es der Pfarrer, der trank?

Der Satz lässt beides zu. Das Gericht wird später festhalten: Er war dabei. Dass er selbst schoss, stellt es nicht fest. Im Herbst 1712 werden Jánošík und Uhorčík in Klenovec gefasst – wegen eines Überfalls, mit dem sie nichts zu tun haben.

Man bringt sie nach Hrachovo. Doch der Vizegespan setzt sich für sie ein, und sie kommen frei. Zum Dank schicken sie Fuchspelze und Käse. Die Legende macht daraus eine kühne Flucht.

Die Akten sprechen von Freilassung. Die zweite Festnahme ist endgültig. Haiduken des Komitats Liptau ergreifen Jánošík im Haus Uhorčíks. Wann genau, ist umstritten – um die Jahreswende oder Anfang März 1713.

Wie es geschah, darüber steht in den Gerichtsakten kein Wort. Zurück im März 1713, in Svätý Mikuláš. Den Vorsitz führt Vizegespan Ladislav Okolicsányi, Ankläger ist Alexander Čemický, Pflichtverteidiger Baltazár Palugyay. Grundlage ist ungarisches Recht – das Tripartitum sieht für Räuber Pfahl oder Rad vor.

Am ersten Tag gesteht Jánošík freiwillig. Man stellt ihm den Kaufmann Šipoš und den Goldschmied Skalka gegenüber. Von den 29 Fragen des Komitats Liptau lässt er 14 unbeantwortet. Und er lügt, um einen Freund zu schützen: Uhorčík, sagt er, sei in den Kremnitzer Bergen gestorben.

Dabei sitzt Martin Mravec zur selben Zeit in Haft. Am zweiten Tag ordnet das Gericht die Folter an – erst eine leichtere, dann eine schwerere. Weil er seine Helfer und die Verstecke der Beute verschweigt. Unter der Folter gesteht er die Überfälle auf Frau von Schardon und auf den Edelmann Zmeškal.

Und er beschreibt ein Versteck: eine Buche und eine Tanne mit einer eingeschnittenen Hand, am Weg nach Klenovec. Sein Verteidiger bittet um Milde: Er sei jung, und er habe niemanden getötet. Dann das Urteil. Er soll mit dem Haken durch die linke Seite gestoßen und aufgehängt werden – so zum Beispiel für andere solche Verbrecher.

Ein Protokoll der Hinrichtung ist nicht bekannt. Die Stadt Liptovský Mikuláš nennt den 17. März, andere Quellen den 18. März 1713.

Die Überlieferung verlegt den Richtplatz nach Šibeničky, östlich der Stadt. Ob das Urteil wirklich am Haken vollstreckt wurde – auch das steht in keiner Akte. Wo Juraj Jánošík begraben liegt, weiß niemand. Sein Schweigen rettet den Freund nicht.

Martin Mravec wird enttarnt. Nach dem Historiker Marián Liščák wird Tomáš Uhorčík am 21. April 1713 gerädert. Im Mai lässt ein Herrschaftsgericht zwei Helfer enthaupten.

Und am 18. Dezember wird Jánošíks jüngerer Bruder Ján zum Tod am Strang verurteilt – weil er ihm geholfen hatte. Die Eltern erscheinen danach noch im Taufregister von Varín. Als Paten.

1715 und 1717. Und doch beginnt die Geschichte erst jetzt. Schon bald nach seinem Tod entsteht eine Überlieferung. 1785 erscheint die erste gedruckte Erwähnung.

1809 macht ihn Bohuslav Tablic zum Wohltäter armer Studenten. 1814 schreibt Pavol Jozef Šafárik von dem Räuber, der den Reichen nimmt und den Armen gibt. Dann die Romantiker um Ľudovít Štúr: Für sie wird Jánošík zum Sinnbild der Freiheit. 1862 erscheint Ján Bottos Versdichtung Jánošíks Tod.

Im 20. Jahrhundert eignet sich jedes Regime den Helden an. Partisanen tragen seinen Namen, ein Ethnologe deutet ihn als Kämpfer im Klassenkampf. Und Filme erzählen ihn immer neu – von 1921 bis 2009.

Das Zauberhemd, der Gürtel, die Valaška von den Feen. Die alte Frau, die ihm in der Schenke Erbsen unter die Füße streut. Der Tanz unter dem Galgen. Das alles stammt aus Liedern, Märchen und Dichtung.

In den Akten steht nichts davon. Belegt ist allein das Urteil – der Haken. Die Akten selbst haben überdauert. Das Protokoll mit Anklage und Urteil liegt im Original im Staatsarchiv in Bytča, Seiten 563 bis 567.

Über Terchová steht seit 1988 eine 7,5 Meter hohe Statue aus Stahlblech. Zum Festival Jánošíkove dni kamen 2004 rund 75. 000 Menschen. Die Akten zeigen keinen Märchenhelden.

Sie zeigen einen jungen Mann aus einem Bergdorf, den Krieg, Kameradschaft und Gelegenheit in eine Räuberbande führten – und der mit 25 Jahren starb. Dass aus diesem kurzen Leben ein Mythos wurde, ist selbst ein Stück Geschichte.

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